|
Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker an Marianna Salzmann |
|
|
|
Preise
|
Die in Berlin lebende Autorin Marianna Salzmann (26) ist die diesjährige Trägerin des Kleist-Förderpreises für junge Dramatiker - für ihr Stück „Muttermale Fenster Blau“ erhält sie die mit 7.500 Euro dotierte Auszeichnung, die von der Kleiststadt Frankfurt (Oder) in Zusammenarbeit mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, der Messe- und Veranstaltungs-GmbH Frankfurt (Oder) und der Dramaturgischen Gesellschaft vergeben wird. Mit der Ehrung ist die Uraufführung des Theaterstückes verbunden, die in einer Produktion des Staatstheaters Karlsruhe am 20. Mai bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen in der Regie von Carina Riedl Premiere hat. In „Muttermale Fenster Blau“ gelinge es der Autorin, „die verstörende Geschichte eines Tabubruchs einfühlsam, ja fast zärtlich zu erzählen“, begründete Christian Holtzhauer, Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft, die Entscheidung der Jury, zu der neben Holtzhauer der Dramatiker Oliver Bukowski sowie Markus Derling (Beigeordneter für Kultur, Frankfurt (Oder), Jörg Vorhaben (Vorstand Dramaturgische Gesellschaft, Chefdramaturg Oldenburgisches Staatstheater), Jan Linders (Schauspieldirektor Staatstheater Karlsruhe), Petra Paschinger (Künstlerische Leiterin Kleist Forum Frankfurt (Oder), Franz Peschke (Ruhrfestspiele Recklinghausen), Petra Thöring (Schauspieldramaturgin Theater Heidelberg), Florian Vogel (Künstlerischer Leiter des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg) und Manfred Weber (Gründer des Preises) gehörten. Die in Wolgograd geborene und in Moskau aufgewachsene Marianna Salzmann kam 1995 nach Deutschland, seit 2008 studiert sie Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Im Jahr 2009 erhielt sie bereits einen Preis des Vereins Wiener Wortstätten für „Weißbrotmusik“. Ihre ersten Stücke wurden u.a. am Ballhaus Naunynstraße („Tod eines Superhelden“) und am Bayerischen Staatsschauspiel München („Satt“) uraufgeführt. Ihre Stücke werden vom Verlag der Autoren vertreten. Die Jury-Begründung im Einzelnen:
Mit „Muttermale. Fenster. Blau“ hat die Jury ein auf den ersten Blick einfach daherkommendes, aber raffiniert gebautes, eindringliches und zutiefst verstörendes Stück einer besonders begabten jungen Autorin ausgezeichnet. Unter der insgesamt sehr großen Zahl an Einsendungen befanden sich viele interessante, gute und vielversprechende Texte, doch keiner hat die Jury derart zu beeindrucken vermocht und für derart intensive Diskussionen gesorgt wie das vorliegende. Das Abstimmungsergebnis war daher mehr als eindeutig. Marianna Salzmanns Stück beginnt als Jugendstück und schickt sich an, die Geschichte eines Jungen (oder jungen Mannes?) zu erzählen, der auf der Suche nach seinem Vater eines Nachts vorm Haus seines Großvaters auftaucht. Zugleich erzählt das Stück in einem zweiten Handlungsstrang die Geschichte einer - wie sich herausstellen wird - unmöglichen und unhaltbaren Liebesbeziehung. Erst als beide Ebenen aufeinander zulaufen und miteinander verschmelzen, beginnt der Zuschauer zu ahnen, wie beide Erzählstränge zusammenhängen könnten - und welch monströses Geheimnis die Figuren verbindet. Eines Nachts also quartiert sich Ljöscha im Vorgarten eines alten Mannes ein, den er hartnäckig als „Großvater“ bezeichnet. Der Großvater ist wenig erfreut über den Besuch, lässt Ljöscha aber bei sich kampieren - und nimmt die zugeschriebene Rolle schließlich an, gibt dem Jungen also zu verstehen, dass er tatsächlich der gesuchte Großvater ist. Den Großvater hat der Junge jedoch nur aufgesucht, weil er auf der Suche nach seinem Vater ist, an den er sich nicht erinnern kann, und der die Familie vor langer Zeit verlassen hat. Der Junge lebt bei seiner kranken, wenn nicht gar gestörten Mutter, die sich in Gegenwart des Sohnes prostituiert. Dass seine Mutter anders ist als andere Mütter, führt Ljöscha darauf zurück, dass auch sie von ihrem Vater verlassen worden ist, und genau darüber erwartet er Auskunft von seinem Großvater. Im zweiten Handlungsstrang, der sich erst im Verlauf des Stückes als offenbar in der Vergangenheit angesiedelt herausstellt, erleben wir ein Liebespaar: Eine junge Frau namens Lena - offensichtlich die Mutter des jungen Ausreißers Ljöscha - und ihren wesentlich älterer Liebhaber Leo. Die beiden führen eine eigenartige, sexuell aufgeladene, von der Außenwelt aber abgeschirmte, von der fast krankhaften Sucht nach gegenseitiger Zuwendung und Bestätigung geprägte Beziehung. Irgendetwas an dieser Beziehung scheint falsch. Leo, ein Maler, verlässt das Haus kaum, es scheint ihm überdies nahezu unmöglich, in der Öffentlichkeit zu der Beziehung zu Lena zu stehen. Lena wiederum streicht eines Tages die Fenster der gemeinsamen Wohnung blau oder schwarz an - um die Umwelt aus der gemeinsamen Liebe herauszuhalten. Der Verdacht drängt sich auf, dass es sich hier womöglich um eine inzestuöse Beziehung zwischen Vater und Tochter handelt - ja, dass der Großvater womöglich gar nicht Ljöschas Großvater, sondern sein Vater ist. Die beiden Handlungsstränge laufen in dem Moment zusammen, als Lena, die sich auf die Suche nach Ljöscha gemacht hat, ebenfalls beim Großvater/Leo eintrifft, und sieht, dass ihr Sohn, der zuvor ein Eisbad genommen hat, nackt unter einer Decke mit Leo sitzt. Das eigene Schicksal, die eigene Vergangenheit, die zu ihrem schwierigen Verhältnis zu Männern und letztlich zu ihrem kaputten Leben geführt haben, sind Lena schlagartig wieder präsent. Ob diese Szene nun - und das zeugt vom großen Geschick der Autorin - in der Gegenwart, also auf der Erzählebene des ersten Handlungsstrangs angesiedelt ist, oder eigentlich auf der zweiten, Lena also ihren Vater mit dem nackten und damals dann noch kleinen Ljöscha überrascht und daraufhin diese katastrophale Beziehung beendet, bleibt offen. Überhaupt bleibt es dem Zuschauer überlassen, bis zu welchem Grad er die Puzzle-Teile, die Marianna Salzmann vor ihm ausbreitet, zusammensetzen und sich die Beziehung insbesondere zwischen Leo und Lena ausmalen möchte. Diese Offenheit ist jedoch keine Schwäche, sondern ganz im Gegenteil die große Stärke des Stücks. Zugleich gelingt es der Autorin, diese verstörende Geschichte eines Tabubruchs einfühlsam, ja fast zärtlich zu erzählen. In ihrer eigenen, geradlinigen Sprache, die jede Figur mit einem minimalen Aufwand plastisch werden lässt, und mit einem sicheren Gespür für atmosphärisch einprägsame Handlungsorte - bspw. das eingeschneite Versteck des Großvaters in der Natur, irgendwo am Rande der Zivilisation, im Gegensatz zur „Höhle“, die sich das ungleiche Liebespaar in der Großstadt eingerichtet hatte - lässt die Autorin das Ungeheuerliche des Inzest-Motivs vor unserem geistigen Auge Gestalt annehmen, ohne auf offensichtliche Schockwirkungen zu setzen oder moralisch zu bewerten. Diese Wertung bleibt dem Zuschauer überlassen. Mittels des auf den ersten Blick bekannt erscheinenden Motiv des Sohnes, der seinen Vater sucht, und dank ihrer raffinierten Erzähltechnik lockt die Autorin den Zuschauer also mitten hinein in eine Geschichte, die wir uns so sicherlich lieber nicht ausgemalt hätten - und derer wir in irgendeiner anderen Form vielleicht auch schnell überdrüssig geworden wären. Unser Interesse zu fesseln, uns zu überraschen und unserer Phantasie freien Lauf zu lassen, ist eine Leistung, die man eigentlich gar nicht hoch genug würdigen kann. Wir gratulieren Marianna Salzmann daher herzlich zum Kleist-Förderpreis 2012.
|
|