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Erste Einladungen zur Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“
Vom 17. bis zum 27. Juni 2010 veranstaltet das Hessische Staatstheater Wiesbaden zum vierten Mal die Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ in Wiesbaden - zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Mainz. Das Festival wurde im Europajahr 1992 von Intendant Manfred Beilharz und Dramatiker Tankred Dorst in Bonn gegründet und ist das weltweit einzige große internationale Festival, bei dem ausschließlich neue Stücke von lebenden Autoren gezeigt werden.
„Das Festival ist ein Festival für Autoren von Autoren“ so der Wiesbadener Intendant Manfred Beilharz bei der ersten Programmpressekonferenz, zu der Matthias Fontheim ins Staatstheater Mainz geladen hatte. Deshalb bedient sich das Festival bei seiner Recherche der Hilfe von 41 Länderpaten aus ganz Europa, die selbst Dramatiker sind; die Stücke werden in verschiedenen Spielstätten in Wiesbaden und Mainz in Originalsprache aufgeführt und simultan auf Deutsch übersetzt. Die künstlerische Leitung besteht aus Manfred Beilharz, Tankred Dorst, Ursula Ehler und Yvonne Büdenhölzer, für das Staatstheater Mainz kuratiert Chefdramaturgin Marie Rötzer. Zur Jubiläumsausgabe - die Theaterbiennale feiert 2010 ihren zehnten Geburtstag - stellte die Künstlerische Leitung Anfang Februar im Staatstheater Mainz die ersten eingeladenen Produktionen vor: Aus Albanien ist „Allegretto Albania“ von Stefan Çapaliku zu Gast, eine absurde komische Parabel auf die postkommunistische Zeit in einem Land, in dem nach wie vor tausende von Männern seit Jahren eingesperrt in ihren Häusern leben, weil ihre Familien sich mit Blutrache befehden. „Allegretto Albania“ ist eine Produktion des Teatri Kombetar Shqiptar/Albanisches National Theater Tirana, Regie führt Altin Basha. - „Der Kummer der Menschenfresser“ (Le Chagrin des Ogres) heißt der belgische Beitrag des wallonischen Théâtre National aus Brüssel: Ausweglos erscheinende Einsamkeit, Wut, Verzweiflung - was verbindet die Schicksale von Sebastian Bosse, dem 18-jährigen Schul-Amokläufer aus Emsdetten, und Natascha Kampusch, die länger als acht Jahre in einem Verlies ihres Entführers lebte? Inspiriert von Sebastians Blog und Nataschas Interviews nach ihrer Flucht lässt der junge Autor und Regisseur Fabrice Murgia zwei junge Menschen in einem fiktiven Szenario aufeinander treffen. - Aus Italien kommt die ‚Amoral opérette’ „Die Nutten“ (Le Pulle) von Emma Dante, die auch Regie führt. Fünf Transsexuelle, begleitet von drei Feen, nehmen den Zuschauer mit in die süditalienische Unterwelt, wo sich religiöse Moral und Heiliges mit Profanem mischen. Ihre Geschichten, Träume und Alpträume werden erzählt, mal grausam, dann wieder romantisch schön. „Die Nutten“ ist eine Produktion des Mercadante, Teatro Stabile di Napoli, des Théâtre du Rond-Point Paris und des Théâtre National de la Communauté Française, Brüssel. - Der lettische Autor und Regisseur Alvis Hermanis ist mit seinem neuesten Stück „Marta vom blauen Hügel“ (Zilakalna Marta) vom Jaunais Rigas Teatris eingeladen: Dicht gedrängt sitzen die 12 Schauspieler auf einer Bank und erzählen einen Reigen von Geschichten über die mythische Heilerin und Hellseherin „Marta vom blauen Hügel“, aber auch über die Menschen, die bei Marta Heil gesucht haben. - „Bab und Sane“ (Bab et Sane) von René Zahnd vom Théâtre Vidy-Lausanne ist der (französischsprachige) Schweizer Beitrag der Theaterbiennale 2010: Nach dem Sturz des Diktators ihres afrikanischen Landes finden sich zwei Bodyguards in einer luxuriösen Villa in der Schweiz eingesperrt. Weit entfernt von ihrer Heimat organisieren die beiden Schwarzafrikaner in ihrem erzwungenen Exil ihr Überleben. Doch während sie sich eine Zukunft ohne Diktatur ausmalen, erschaffen sie sich ihre eigene Realität, ohne die Schatten der Vergangenheit abschütteln zu können. Das Spiel der beiden Komiker aus Mali und Burkina Faso trifft auf einen Text, der Samuel Beckett und Karl Valentin zu einer neuen Einheit verschmilzt. - Der serbische Beitrag heißt „Das Puppenschiff“ (Brod za lutke) des Srpsko narodno pozorište, Novi Sad: Die Autorin Milena Markovic verwebt Motive von Alice im Wunderland, Schneewittchen, Hänsel und Gretel und andere Märchen miteinander, um die Geschichte einer Frau im Selbstfindungsprozess zu erzählen. Mal als gescheiterte liebeshungrige Künstlerin, mal als böse Hexe durchreist sie die tragische, aber auch absurd-komische Welt der Märchen; Regie führt Ana Tomovic. - „Hässliches Menschlein“ (Çirkin Insan Yavrasu) von Yelda Baskin, Gülce Ugurlu, Elif Ürse und Oyun Deposu steht als türkisches Gastspiel auf dem Spielplan - die neu gegründete Istanbuler Theatergruppe Oyun Deposu stellt mit ihrem ersten Stück eine für die Türkei brisante Figurenkonstellation auf die Bühne: Eine Kurdin, eine Lesbe und eine gläubige Muslima mit Kopftuch - drei Menschen, die sich seitens der Gesellschaft unterschiedlicher Vorurteile ausgesetzt sehen. Mit Vitalität und Komik entledigen sich die Autorin und die drei Darsteller dieser Aufgabe. - Aus Deutschland ist das Theater Heidelberg mit Nis-Momme Stockmanns „Der Mann der die Welt aß“ in der Inszenierung von Dominique Schnizer eingeladen: Ein Mann isst die Welt, um sie loszuwerden. Er ist ganz oben gewesen, erfolgreich, sorglos, stark. Nun ist alles weggebröckelt: das Glück, die Familie, der Job, die Freunde. Nur die Verantwortung ist geblieben und wächst. Das mehrfach preisgekrönte Familiendrama widersteht der Sensation und zeigt einen ganz heutigen gescheiterten Helden. Zwei Neuheiten bei „Neue Stücke ...“ sind der Patenblog, der auf der komplett neu gestalteten Homepage (www.newplays.de) bereits jetzt eingerichtet ist und somit schon im Vorfeld einen internationalen Austausch ermöglicht, aber auch die Nachwuchsplattform „Kinder entdecken Europa“, die jeden Vormittag während des Festivals Workshops zu europäischen Themen für Kinder und Jugendliche anbieten wird. „Neue Stücke ...“ ist neben den Gastspielen auch ein Arbeits- und Werkstattfestival: Das „Forum Junger Autoren Europas“ ist inzwischen zu einer festen Institution der Theaterbiennale geworden, zum zweiten Mal finden auch das „Forum Junger Theaterkritiker“ (s. unten) sowie das „Forum Europäischer Dramatiker“ statt. - Das komplette Festivalprogramm wird auf einer weiteren Pressekonferenz am 16. April im Hessischen Staatstheater Wiesbaden vorgestellt; der Kartenvorverkauf startet am 23. April in beiden Häusern.
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