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Kurt-Hübner-Regie-Förderpreis an Tilmann Köhler
„Im Anfang steckt schon das Ende, die ganze Katastrophe“, so beginnt der Pressetext des Kölner Schauspiels zur Inszenierung von Shakespeares „König Lear“. Den greisen König verkörpert in der (ausschließlich mit Frauen besetzten) Inszenierung von Intendantin Karin Beier die Schauspielerin Barbara Nüsse, die dafür soeben mit dem renommierten, mit 10.000 Euro dotierten Eysoldt-Ring ausgezeichnet wurde.
Der Anfang der Preisverleihung barg jedenfalls eine Überraschung für das Publikum in Bensheim (in der Stadt an der Bergstraße, seit einigen Jahren auch Heimat der den Preis verantwortenden Akademie der Darstellenden Künste, wird die Auszeichnung traditionell vergeben) - zumindest musikalisch: Die Perkussionskünstlerinnen Silvia Bauer und Yuko Suzuki - die auf beeindruckende Weise blitzschnell zwischen Konzertflügel und Vibraphon hin- und hersprang - legten eine furiose Performance an Vibraphon, Bongos, Schlagzeug, Klavier, Triangel, Bell Tree und Balafon (bitte, wir kannten das Instrument vorher auch nicht) hin. Wer zunächst lediglich eine originelle Musikauswahl der Veranstalter vermutete, wurde von der elegant-lässigen und gut vorbereiteten ZDF-Nachrichtenfrau Petra Gerster, die den Abend sympathisch unaufdringlich moderierte (sie hatte ihr Publikum spätestens mit der Anekdote, dass Bensheims Kulturamtsleiter Berthold Mäurer in der Schule im benachbarten Worms hinter ihr gesessen und sie an den Haaren gezogen habe, in der Tasche), bald eines Besseren belehrt: Es handelte sich um die „Narren-Ouvertüre“ aus der Kölner Schauspielmusik zum „Lear“ von Jörg Gollasch, eine sowohl düster-zerklüftete als auch spannungsreiche und elektrisierende Musik, deren in Bensheim zu Gehör gebrachte Ausschnitte ahnen ließen, wie kongenial hier Wahnsinn, Zerfall und Chaos ganz ohne Worte dargestellt bzw. antizipiert werden. Noch gibt es sie offenbar, die spendenwilligen Sponsoren (aus der Finanzwelt), die die Theater angesichts kommunaler Spar-zwänge heute nötiger denn je brauchen - zumindest konnte auch die diesjährige Preisverleihung wieder ausschließlich durch deren Spenden finanziert werden; eine große Erleichterung für die Stadt, die ja im Mai/Juni auch wieder die traditionelle „Woche junger Schauspieler“ stemmen muss bzw. darf. An dieser Stelle sei es gleich verraten: Regie-Förderpreisträger Tilmann Köhler, wieder von Allein-Juror Klaus Völker ausgesucht und „laudationiert“, wird mit seiner jüngsten Inszenierung (Horváths „Italienische Nacht“) zur „Jungen Woche“ eingeladen - ein Datum, das sich weder die Bensheimer noch zugereiste Theaterinteressierte entgehen lassen sollten, sind wir nach den präsentierten Ausschnitten, der Laudatio und der Matinee-Diskussion überzeugt. Der Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben! Hermann Beil, Chefdramaturg am Berliner Ensemble und langjähriger Weggefährte Claus Peymanns, in Thomas Bernhards „Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese“ komödiantisch porträtiert (ein Umstand, den die Moderatorin erfreulicherweise zitierte und zur Charakterisierung des Peymannschen „Lieblingsdramaturgen“ heranzog), hatte „natürlich“ eine passende Anekdote zum Anlass dabei, mit der er sich als neuer Akademiepräsident nach dem nur kurz amtierenden Klaus Pierwoß vorstellte und Publikum sowie Preisträger im Parktheater (ja, Bensheim hat ein Theater! Wenn auch nur ein bespieltes) als dritter im Bunde nach Bürgermeister Thorsten Hermann und Innenminister Volker Bouffier begrüßte. Und ist es nicht wahr, so ist’s doch gut erfunden: Ein Taxifahrer, so erzählt Beil, habe ihn auf dem Weg zu einer Vorstellung der späteren Eysoldtring-Trägerin Corinna Harfouch an der Berliner Volksbühne gefragt: „Wer liebt schon das Theater?“ bzw. kurz darauf „Lieben Sie das Theater?“; natürlich stellte der „einfache Mann“ die entscheidende Frage und legte den Finger in die Wunde, die heute womöglich noch mehr blutet als seinerzeit (war er am Ende arbeitsloser Geistes- bzw. Theaterwissenschaftler oder sogar Schauspieler? Wir wissen es nicht ...). Aber der kluge Beil weiß natürlich: Die Tätigkeit eines Dramaturgen - mitunter Vordenker, oft Zuarbeiter des Regisseurs, Kitt zwischen ebendiesem und den Schauspielern, ohne den beide möglicherweise gar nicht zueinander fänden oder das Publikum nicht zu den Ideen des Regisseurs - lässt eine solche Frage eigentlich nicht zu. Er zitiert daher flugs Turrini: „Theater besteht nur aus Maskerade, aber gerade das ist das Aufrichtige an ihm!“, und ist damit auf jeden Fall auf der sicheren Seite. Doch damit begibt er sich in die eigentlich „Falle“ des Taxifahrers: „Liebt das Theater Sie denn auch?“ Wie kann denn das Theater umgekehrt einen Menschen lieben, und wie verdient er sich diese Liebe? - damit führt Beil sich und sein Publikum geschickt in medias res, denn schließlich geht es ja bei Preisverleihungen genau darum: Die Theaterwelt zeichnet ihre „Lieblinge“ aus und würdigt umgekehrt deren Theaterliebe, -engagement oder gar -verrücktheit. A propos Preisverleihungen: Auch hier durfte natürlich wieder Thomas Bernhard, wenn auch aus dem Nachlass, zitiert werden - „Meine Preise“ ... wobei wir inständig hoffen, dass die Anreise für die beiden Preisträger nicht wie bei Bernhard die „zu einer Hinrichtung“ gewesen ist. Der Eysoldt-Ring, führt Beil weiter aus, ist ja eigentlich ein „Schauspielkunstpreis“, mit dem er selber durch die Preisträger beruflich und persönlich sehr verbunden ist. An dieser Stelle brachte er übrigens eine glänzende Idee auf, und man kann nur hoffen, dass sie nicht an den zugegeben fast unüberwindlichen Terminschwierigkeiten scheitern wird: Lasst uns, zum 25-jährigen Jubiläum nächstes Jahr (richtig gelesen! So lange gibt’s den Preis schon - der erste ging 1986 an Doris Schade), alle Preisträger versammeln und mit ihnen Theater machen! Ein Stück nur mit „Ringträgern“ besetzt! Oder eine theatralische Improvisation, der Phantasie sind hier keine Grenzen gesteckt. Ein solches „einmaliges Ensemble“ könnte womöglich Beils Definition von „Schauspielkunst als universellem Ausdruck des Lebens in künstlerischer Form“ alle Ehre machen. Der Dramaturg verweilte allerdings nicht lange im Elfenbeinturm und versäumte es nicht, auf ganz aktuelle Gefahren durch theaterpolitische Fehlentscheidungen (in Köln der Abriss des Schauspielhauses beispielsweise oder in Wuppertal gar die angedrohte Schließung dieser Sparte) hinzuweisen - um dann in einer originellen und durchaus überzeugenden gedanklichen Wendung Theaterschließungen, die in kruder Verkennung der Verhältnisse das Stadtsäckel „schonen“ sollen, als eigentliche Perversion des Sparens zu entlarven: Wenn man nämlich sparen als „aufsparen“ und bewahren versteht. Oder anders formuliert: Hätte die in Essen geborene Barbara Nüsse, die als Kind eigentlich nach dem Vorbild ihres Vaters Bergmann werden wollte, im benachbarten Wuppertal nicht Pina Bausch und ein großartiges Schauspiel erlebt und sich so mit dem Theatervirus infiziert, wäre vielleicht nie eine Schauspielerin aus ihr geworden: „Im Theater erfahren wir die beflügelnde Macht der Phantasie - es liebt uns, wenn wir es lieben!“
Jungregisseur Tilmann Köhler (Jahrgang 1979), der vor allem bei der Matinee-Diskussion am folgenden Tag sympathisch zurückgenommen von sich und seinen Projekten erzählte, wird offensichtlich durchaus vom Theater geliebt - bereits seine Diplom-Inszenierung „Penthesilea“ an der Ernst-Busch-Hochschule war ein großer Erfolg (deren ehemaliger Direktor und Köhler-Laudator Klaus Völker sprach von Köhlers „Besessenheit für den Text“), die Kritik überhäufte ihn denn auch zunächst mit Lob, wandte sich aber auch schnell wieder von ihm ab - vielleicht weil er sich nicht auf einen bestimmten Stil festlegen lasse, vermutet Völker; wie so oft haben die Kritiker nicht den langen Atem, um eine künstlerische Entwicklung geduldig und interessiert zu verfolgen, sondern erwarten stets das völlig Neue, die unerwartete Volte statt des kontinuierlichen Wachstums. Was Köhler nicht daran hinderte, unbeirrt seinen Weg weiter zu gehen: Weimars Intendant Stefan Märki übernahm die Kleist-Inszenierung (samt der Schauspieler!) in der Saison 2005/06 an sein Theater, dort wurde Tilmann Köhler Hausregisseur und erarbeitete beispielsweise mit „wunderbarer Zartheit und Theaterzauber“ Stücke wie „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz, Shakespeares „Othello“, brachte bei Bruckners „Krankheit der Jugend“ - eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2007 - vor allem die Körper der Schauspieler ins Spiel und zum Einsatz, inszenierte die Nachwuchsautoren Thomas Freyer („Amoklauf mein Kinderspiel“, „Separatisten“, „Und in den Nächten liegen wir stumm“) sowie Tine Rahel Völcker („Die Höhle vor der Stadt in einem Land mit Nazis und Bäumen”, übrigens in einer früheren Ausgabe dieses Hefts nachzulesen). Mit der ihm eigenen „zupackenden Kraft und Entschiedenheit“ ging er dann an Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ (laut Hermann Beil das „Stück der Stunde“, das auch als solches inszeniert werden müsse) - jetzt schon am Staatsschauspiel Dresden, wo er derzeit Hausregisseur ist, und inszenierte den Text als „aufregendes Gegenwartsstück mit politischer Brisanz ohne Besserwisserei“, wieder unter vollem Körpereinsatz des Ensembles. Dafür erhielt er nun den mit 5.000 Euro dotierten und mit dem Eysoldt-Preis verbundenen Kurt-Hübner-Regie-Förderpreis. Die Dresdner Premiere der „Italienischen Nacht“ von Ödön von Horváth in der Lesart Köhlers (mit Studierenden der Hochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“), jüngste Inszenierung des Nachwuchstalents, bestätigte für Klaus Völker im Nachhinein seine Entscheidung für den Förderpreisträger. Im Rahmen seines Studiums entstand übrigens bereits die Inszenierung „Coephoren” im bat-Studiotheater Berlin, die 2004 mit dem Bensheimer Theaterpreis bei der „Woche junger Schauspieler“ ausgezeichnet wurde, so dass der Regie-Förderpreis also schon die zweite Bensheimer Auszeichnung für den jungen Regisseur ist.
Wurde damit der „Newcomer“ sozusagen „vorgelassen“, durfte dann Peter Iden, Theaterkritiker und Leiter der Abteilung Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Eysoldt-Jury (der außerdem wieder der Schauspieler Hans Dieter Jendreyko und Mannheims Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski angehörten) im Sinne einer Steigerung die Protagonistin des Abends Barbara Nüsse loben. Er begann seine Rede mit der zunächst trivial klingenden, bei genauerem Betrachten aber immer wieder faszinierenden Beobachtung, dass man in dem Schauspieler eben nicht nur ihn selbst sieht, sondern sich stets die Bilder der vielen anderen Menschen bzw. Figuren davorschieben, die er - in diesem Falle sie - bereits dargestellt hat: Die Person des Darstellers ist überlagert von der Realität und Wahrheit der von ihm dargestellten Figuren, Barbara Nüsse ist so zugleich sie selbst und - viele andere (wer hier an Hegels dialektischen Begriff der „Aufhebung“ denkt, liegt nicht ganz falsch, wie Iden - u.a. studierter Philosoph - dezent wissen ließ). Wie sie das „mache“, gibt sie am folgenden Vormittag in der Diskussionsrunde zu, werde sie zwar immer wieder gefragt, könne es aber dennoch nicht wirklich beantworten - wie sollte sie auch, denn welcher Künstler kann sein ureigenstes „Betriebsgeheimnis“ einfach so erklären? Natürlich werden in dem Zusammenhang wichtige Rollen der Nüsse angesprochen: z.B. ihre Lotte in Botho Strauß’ „Groß und Klein“ in der Inszenierung von Niels-Peter Rudolph in Bochum - besonders beeindruckte Iden seinerzeit, wie die Schauspielerin den Umschlag bzw. Bruch in der Figur glaubhaft machte, wenn nämlich die Sprache, die bis dahin gleichsam nur „vorläufig“, weil beliebig und banal ist, zum „prophetischen Sprechen“, einer gänzlich neuen Art von Sprechen wird: Hier zeige sich paradigmatisch Nüsses Interesse an den Rissen einer Figur, seien diese auch noch so fein. Ob in Hansgünther Heymes Hebbel-Inszenierung „Maria Magdalena“ in Köln, als Tschechows Mascha unter Peymann in seiner letzten Stuttgarter Saison oder als Nestor in Luk Percevals Inszenierung von „Troilus und Cressida“ an den Münchner Kammerspielen - stets manifestiere sich im Spiel Nüsses ihre Erkenntnis, dass das Extreme an den Figuren auch bestimmte Formen verlange. Findet derart im Schauspiel eine Verwandlung statt, ist Veränderung (philosophia docet!) jedoch nur an einer Substanz möglich - die Lebensfrage des Schauspielers lautet dementsprechend: „Wer bin ich selbst?“ („...und wenn ja, wie viele“, ist man an dieser Stelle versucht mit Richard David Precht zu fragen). Nun aber zur Inszenierung, in der Nüsse als Titelfigur die Jury auf sich aufmerksam machte: Karin Beier hat bekanntlich in ihrer Arbeit (die nebenbei bemerkt mit einem „Coup“ - dem Cioran-Zitat „Ich habe das Sein verlernt, ich bin bereit, zu verschwinden“ - beginnt) nicht nur den Lear, sondern auch alle anderen Rollen mit Frauen besetzt - ein Umstand, nach dem Hermann Beil als Moderator der Matinee-Diskussion die Protagonistin leider nicht weiter fragte. „Bei Shakespeare wurden die weiblichen Figuren von männlichen Darstellern vorgeführt. Wir bleiben in der Tradition dieses Rollenspiels - mit umgekehrtem Vorzeichen: Frauen spielen Männer und Frauen und eröffnen neue Perspektiven auf König Lear, dieses vierhundert Jahre junge Stück, in dem auch immer die Frage nach Wahrheit oder Täuschung, nach dem Kern der eigenen Identität gestellt wird“, so die Regisseurin bzw. ihr Presseteam zu dem ungewöhnlichen Ansatz. „Wenn so eine Figur durch ihr eigenes Verhalten in eine Krise gerät, geht es einfach nur um die Menschlichkeit“, äußerte Nüsse kürzlich in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger. So versteht es auch der Laudator: Die reine Frauen-Besetzung im „Lear“ zeige den Sturz Lears in seine Verelendung anschaulich als allgemeinen Niedergang, jenseits von männlichen oder weiblichen Zuschreibungen. Lear verfügt zunächst über die Welt, dann setzt der Verfall ein, und er bzw. der Schauspieler - hier: die Schauspielerin - geht einen Weg „in extremis“, erreicht dabei äußerste Grenzen, aber auch „Hingabe“. Allein die Szene mit Lears fünfmaligem „never“ (in Bezug auf seine Tochter Cordelia, die er nie mehr sehen wird) hätte ausgereicht, um Nüsse als grandiose Schauspielerin auszuweisen, befindet Iden. „Wie Nüsse dies spielt - die schnarrende Arroganz und Ignoranz der Macht, die Schrullen des Alters und dann den Irrsinn, der den schmächtigen Leib durchzittert - das sollte man gesehen haben“, schrieb ein Rezensent nach der Premiere zur Spielzeiteröffnung in Köln. Die Tochter eines Bergbau-Ingenieurs ist übrigens nach eigener Aussage „nicht als Mädchen erzogen worden. Und hatte dadurch eine gewisse Freiheit und brauchte nicht immer brav zu sein“ - eine Freiheit bzw. Distanz, die ihr vielleicht gerade bei dieser Rollengestaltung geholfen hat. Die so Geehrte, schmal und zerbrechlich, aber auch sehr entschieden und durchaus bodenständig wirkend, dankte zunächst ihrer Regisseurin für die „kühne Inszenierung“ sowie allen Schauspieler-Kollegen, die an der Produktion beteiligt sind (bzw. erst einmal waren - die letzte „Lear“-Vorstellung in dieser Spielzeit fand leider schon Ende März statt), auch Johannes Schütz für sein Bühnenbild - mit einer Mauer, die leicht umfallen, sich aber auch ganz wunderbar in Matsch verwandeln könne ... Und tat dann etwas, was dem Abend weit mehr als die per Video eingespielten Aufführungsschnipsel und die Anwesenheit von Theaterleuten das eigentliche „Flair“ von Theater verlieh, wofür ihr das Publikum, das sich fast eine halbe Stunde lang in Bann ziehen ließ (und das zu vorgerückter Stunde und in Erwartung des gesellschaftlich-kulinarischen Teils) am Ende hörbar dankte: Die Künstlerin, die lange auch mit einer eigenen Fassung des „Penelope“-Kapitels aus dem „Ulysses“ von James Joyce auf Tournee ging, las aus Brigitte Kronauers Roman „Zwei schwarze Jäger“ und stellte dabei nicht nur ihr großes Talent unter Beweis, durch Sprache sowie Gestik und Mimik Atmosphäre und Situationen zu schaffen, sondern verdeutlichte damit auch indirekt das Spannungsfeld, in dem sie sich als Schauspielerin bewegt. In dem Episodenroman geht es u.a. um eine Autorin, die zu einer Lesung aus ihrem Werk eingeladen wird, sich also ähnlich „präsentieren“ soll wie Nüsse bei der Preisverleihung. Beiden gemeinsam ist die Frage nach dem Geschichtenerzählen, nach der Möglichkeit, die Wirklichkeit verschwinden zu lassen zugunsten eines Ideals, den Zustand des „Angekettetseins“ (dargestellt in der berühmten Skulpturengruppe der an wilde Tiere geketteten Raubtierführer in der römischen Villa Borghese - die Dialektik von Herr und Knecht lässt grüßen) bzw. das Hingegebensein an die Notwendigkeit zu überwinden. Gemeinsam sei den Figuren des Romans, wie ein Rezensent nach dem Erscheinen im letzten Jahr beobachtete, dass sie das Wirkliche wie Kunst auszudeuten versuchten und die Kunst für das Wirkliche nähmen, so dass sich Kronauers Buch deshalb ebenso als eine Satire auf den Kunstbetrieb lesen lasse wie eine „mit großer Empathie erzählte Geschichte über Menschen, die mit ihren Phantasien an der Wirklichkeit scheitern“ - eine Definition, die wohl für viele, wenn nicht alle der von Nüsse dargestellten Figuren des „Welttheaters“ gilt.
Kein „event“ ohne Preisverleihung, und so wurde auch die sonntägliche Matinee mit den vorabendlich Ausgezeichneten mit einer solchen eröffnet: Die Ehrenspange der Stadt Bensheim erhielt Walter Konrad, von 2000 bis 2009 Präsident der Akademie der Darstellenden Künste. Bensheims Bürgermeister Thorsten Herrmann zählte dessen Verdienste für Akademie und Eysoldt-Preis auf: Unter Konrad verlegte die Akademie ihren Sitz von Frankfurt nach Bensheim, die Preisverleihung findet jetzt schon am Samstag Abend und nicht erst am Sonntag statt, die Matinee bekommt mit einem eigenen Termin mehr Gewicht, und auch das „Hörspiel des Jahres“, das die Akademie ebenfalls auszeichnet, wird auf seine Initiative hin neben Frankfurt (im Literaturhaus) auch in Bensheim präsentiert. Nicht dass Konrad die Auszeichnung so nötig gehabt hätte - neben einigen anderen hat er bereits 2005 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse erhal-ten -, aber eine schöne Geste war es allemal. Barbara Nüsse zeigte zu Beginn des Matinee-Gesprächs stolz und etwas schelmisch ihren Ring - dass sie ihn nur trug, weil sie ihn am Abend zuvor nach ausführlichem Feiern bei der traditionellen Eysoldt-Gala, wieder mit Vorspeisen von Star-Koch Johann Lafer, nicht mehr abbekommen habe, halten wir für ein Gerücht ... Hermann Beil zitierte, wie schon erwähnt, Thomas Bernhards Ausführungen über Preisverleihungen („sie erhöhen nicht, sondern erniedrigen“), was eine provokante Steilvorlage für die beiden Protagonisten hätte sein können. Statt dessen erfahren wir noch einmal, diesmal aber aus Nüsses eigenem Mund, ein paar Details aus ihrer beruflichen vita: Nach ihrer Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München begann sie am Ateliertheater in Bern, wo Rudolf Wessely inszenierte und sie u.a. als Gretchen im „Urfaust“ besetzte - nach einem Jahr verließen er und mit ihm Nüsse, die nur seinetwegen gekommen war, das Haus. A propos verlassen: Vielleicht kam es uns nur so vor, dass die Diskussion in diesem Jahr etwas schneller zu Ende ging als sonst, vielleicht lag es aber auch daran, dass Nüsse abends noch spielen musste, und zwar am Wiener Burgtheater, also von Bensheim aus nicht gerade um die Ecke: Dort ist sie nämlich derzeit in Matthias Hartmanns von Bochum nach Wien mitgenommener Inszenierung der „Todesvariationen” von Jon Fosse an der Seite von Hans-Michael Rehberg (ebenfalls Eysoldt-Preisträger! Die beiden werden sich nach der Vorstellung verschwörerisch zugelächelt haben) zu sehen. Nach Bern folgten für Barbara Nüsse Stationen u.a. am Bayerischen Staatsschauspiel, am Württembergischen Staatstheater in Stuttgart, an den Schauspielhäusern in Bochum und Hamburg, am Maxim Gorki Theater Berlin, am Schauspielhaus Zürich, den Münchner Kammerspielen und am Burgtheater Wien. Seit 1986 ist sie überwiegend freiberuflich tätig und spielt weiterhin an vielen bedeutenden Bühnen, gilt dabei als besonders vielseitige Darstellerin und ausgezeichnete Hörbuch-Sprecherin. Ihre Mascha, vor allem im dritten Akt der „Drei Schwestern“ in Bochum unter Peymann, so bekräftigte Beil nochmals, sei geradezu exzeptionell und gelte ihm als Maßstab aller Mascha-Darstellungen - was für ein schweres Erbe gilt es da für die jungen Elevinnen von heute anzutreten. Besonderes Merkmal Nüsses sei ihre immer wieder „existentielle Hingabe“, gerade auch in den vielen gegensätzlichen Rollen, die sie an ebenso unterschiedlichen Theatern und mit diversen Regisseuren erarbeitet habe - sie sei einfach „wechselhaft im neugierigen Sinne“. Wie sie an ihre Rollen herangeht, ist dann von ihr selbst zu erfahren: Als Schauspielerin will sie „eine Figur bis ins Letzte verteidigen“, dem Zuschauer einen Spiegel vorhalten, so dass er sich im Extremen dieser Figur, das sie als Darstellerin zunächst ausgelotet und gleichsam freigelegt hat, selbst erkennen kann. „Alle Stücke bringen Menschen in Grenzsituationen, das macht Theater aus. Und dann gibt es Stücke, wo diese Situation besonders schrecklich ist. Ich spiele das gerne, weil die Grenze bei jeder Figur woanders liegt. Das hat für mich als Schauspielerin etwas enorm Befreiendes. Man lernt, bestimmte Dinge loszulassen“, äußerte Nüsse kürzlich in einem Zeitungsinterview. „Indem man sich tief in eine Rolle hinein begibt und die Figur mit sich selbst konfrontiert, offenbart sich der innere Abgrund, der in jedem zu finden ist. Für mich als Schauspielerin ein sehr interessanter und auch persönlich lohnenswerter Ansatz, weil man ungeheuer viel daraus über sich lernen kann.“ Mit der neuen Spielzeit geht Nüsse wieder fest ins Ensemble, und zwar das des Thalia Theaters in Hamburg (hier lebt sie seit mitt-lerweile fast 30 Jahren), wo sie unter dem neuen Oberspielleiter Luk Perceval im September Premiere hat (mehr wurde leider nicht verraten - nur dass im Mai die Proben beginnen). Stets will sie sich beim Spielen „weggeben“, bekomme dafür aber auch sehr viel Kraft zurück, wie sie überhaupt zugibt, neben ihrem Talent immer auch viel Glück gehabt zu haben: Sie hätte sich nie „in der Reihe anstellen“ oder warten müssen, zudem immer die „richtigen“ Regisseure gefunden ... wofür sie durchaus dankbar, weil sich dessen bewusst ist, dass weder das eine noch das andere selbstverständlich ist und das erste ohne das zweite leider auch keine Karrieren befördert. Arbeiten „müsste“ sie eigentlich nicht mehr, zumindest nicht aus finanziellen Gründen, wie Nüsse vor nicht allzu langer Zeit zugab. „Aber wie soll man diesen Beruf aufhören? Das Alter ist etwas besonderes auf der Bühne. Das ist einfach schön, wenn ein älterer Mensch da mit jüngeren zusammen arbeitet. Die gucken ganz anders aufs Theater. Wir können voneinander lernen. Ich bin zwar noch nicht über 80, wie der Lear, aber es wäre doch schade, wenn man alte Rollen nicht mit alten Leuten besetzt. Die Generationenfrage ist halt doch eine sehr wirkliche.“ Gleich zu Beginn fragte Beil die Schauspielerin übrigens nach einer Art „Lebensrolle“, also einer Figur, mit der sie sich identifizieren könne wie mit keiner sonst, wobei es nach all dem kaum überraschte, dass die Befragte sich nicht auf eine bestimmte Rolle festlegen mochte - sie nannte mehrere: die Maria Magdalena unter Heyme, wieder die Mascha in Stuttgart, die Lotte in Bochum, Leonore d’Este im „Tasso“ (die Rolle brachte ihr 1980 die Auszeichnung „Schauspielerin des Jahres“ ein), ihre schon erwähnte Bearbeitung des Molly-Bloom-Kapitels im „Ulysses“ - „Penelope“, die sie auf Kampnagel Hamburg gezeigt hat und fast 20 Jahre lang im Programm hatte. Nur ist Molly im Roman eben Anfang 30, was die dann irgendwann 50-jährige Nüsse nicht mehr authentisch spielen zu können glaubte. Auf Beils Vorschlag, die „Penelope“ eventuell auch nach Bensheim zu bringen, reagierte sie aber durchaus zustimmend (nur dann eben als Lesung). Hier Bern, dort Gera: Da nämlich startete Tilmann Köhler durch, und zwar in der sogenannten „Theaterfabrik“ - der Jugendtheatersparte von Theater&Philharmonie Thüringen, eine Art Experimentierfeld für junge Talente, die sich und die darstellenden Künste erproben wollen. Hier konnte Köhler gleich spielen und inszenieren; musste nicht die von Beil beschriebene, früher typische Laufbahn vom Regieassistenten zum Regisseur absolvieren (heute glaube man ja offenbar, mit einem Regie-Diplom in der Tasche gleich am Burgtheater inszenieren zu können, wirft Beil an dieser Stelle etwas maliziös ein). Seine Zeit am DNT Weimar begreift er als eine Art Fortsetzung seiner Ausbildung - wie schön, wenn es sich Intendanten heute noch leisten können, so etwas zu ermöglichen. Von Beil auf sein sogenanntes „Manifest“ angesprochen, meint Köhler etwas verlegen, dabei handle es sich eher um eine Art „Positionspapier“, das er während der Regieausbildung an der „Ernst Busch“ zusammen mit seinen Schauspielern unter der Fragestellung „Wie müsste ein Theater aussehen, in dem wir uns wiederfinden wollen?“ erarbeitet hat. Danach müsste Theaterarbeit vor allem so funktionieren, dass die Texte junger Autoren nicht „zugedeckt“ werden, denn der Text steht im Mittelpunkt - eine Auffassung, die Köhler mit seinem Vorgänger, dem letztjährigen Regiepreisträger Maik Priebe, teilt und die von Beil sichtlich wohlwollend aufgenommen wurde. Daher bevorzugt Köhler als Regisseur ein „reduziertes“ Spiel, auch was die Requisiten angeht. Eine Veränderung in diesem Konzept gab es allerdings im letzten Jahr in Dresden, und zwar durch ein Projekt bzw. die Zusammenarbeit mit einer Straßentheatergruppe aus Sao Paulo/Brasilien, die sowohl in Deutschland als auch in Brasilien stattfand - hier verfolgte man ein „anthropophagisches“ Konzept, wie Köhler formulierte, im Gegensatz zu seinem Konzept der Reduktion: Die Spieler verleiben sich, bildlich gesprochen, alles ein, denn alles betrifft sie - bei dieser Arbeit verständige man sich auch außerhalb der Sprache, nämlich über den Körper (eine Herangehensweise, die auch Nüsse nicht so fern liegt), während an der „Busch-Schule“ ja gelernt werde, den Weg sozusagen „akademisch“ über die Sprache zu nehmen. Gerade diese, man möchte fast sagen „ganzheitlichen“, Erlebnisse in Sao Paulo ermöglichten es Köhler aber nach eigener Einsicht erst, Brecht - nämlich die „Heilige Johanna“ - zu inszenieren, obgleich dieser als Autor an der Hochschule natürlich immer präsent war, aber doch irgendwie aus der historischen Distanz betrachtet und behandelt wurde. Der am Brecht-Theater wirkende Beil musste hier natürlich einhaken: Brecht sei schließlich auch der einzige deutschsprachige „Weltdramatiker“ und werde im Ausland oft als „Waffe“ benutzt, um dort die eigene Situation zum Ausdruck zu bringen, was dazu führe, dass er geradezu als „Zeitgenosse“ behandelt würde (eine aktuelle Brecht-Inszenierung hat Köhler übrigens in Brasilien gesehen, den „Kreidekreis“ in einer Fassung, die das Stück über einen Prolog mit der Problematik der Landlosen verknüpfte). So ganz konnte man die aktuell verschärfte Theaterkrise, die zuverlässig auf die der Finanzen folgte, natürlich nicht aus der Diskussion heraushalten, denn hier saßen zwei (stellvertretend für viele) Künstler, die ohne das bewährte Stadttheatersystem kaum eine Chance gehabt hätten. Die „Marginalisierung der Theater“ betreffe ja genauso die Regisseure, gab Beil denn auch zu bedenken, deren „Lebensraum“ damit immer knapper werde - was tue man als Regisseur dagegen? Köhlers Antwort darauf griff im Grunde eine Tendenz auf, die schon seit längerem im Theaterbetrieb zu beobachten ist: Die Theaterleute entwickeln mehr und mehr Projekte für ihre Stadt, mit ihren Bürgern und mit Themen, die sonst vielleicht eher im sozial- oder bildungspolitischen Bereich diskutiert werden (gesellschaftliche Randgruppen, benachteiligte Jugendliche abseits der urbanen Zentren, Migranten etc.), sie holen die Zuschauer in ihrer jeweiligen Lebenswelt sozusagen ab. Daher spricht Köhler von dem Versuch, aber auch der Schwierigkeit, etwas für den jeweiligen Ort „Notwendiges“ zu erzählen, das sinnvoll wahrgenommen werden kann und „etwas mit dem Zuschauer macht“. Beil verweist gerade in diesem Kontext wieder auf Köhlers Inszenierung von Horváths „Italienischer Nacht“, die übrigens am BE, damals noch „Theater am Schiffbauerdamm“, uraufgeführt wurde. In den 60ern gab es dann eine legendäre Aufführung unter Hans Hollmann in Stuttgart - plötzlich hätten alle bemerkt, wie aktuell das Stück noch sei, so Beil, was Köhler aufgreift: In Dresden gebe es ja ganz besonders den im Stück thematisierten Konflikt zwischen rechts und links, und verweist dabei auf den Jahrestag der Zerstörung Dresdens am 13. Februar, der in zunehmendem Maße von Rechtsradikalen zu Aufmärschen missbraucht wird. Gespielt wird in Köhlers „Italienischer Nacht“ („ein Glücksfall modernen politischen Theaters“, urteilte erst kürzlich Hartmut Krug in der Wochenzeitung Der Freitag) übrigens mit 10 Schauspielschülern des Schauspielstudios, alle Rollen sind also durchweg jung und damit durchaus gegen den Strich besetzt - letzteres ein Umstand, der wieder den Bogen zu Karin Beiers „Lear“ schlägt. Zuletzt erfahren wir bei Tilmann Köhler noch etwas genauer als bei Barbara Nüsse, welches Projekt als nächstes ansteht: Freuen Sie sich mit uns auf Köhlers Lesart von Tschechows „Kirschgarten“ in Dresden - Premiere ist laut homepage des Staatsschauspiels am 28. Mai. „Ihr solltet keine Theaterstücke, sondern öfter mal euch selbst ansehen“, lässt Tschechow seinen revolutionären Hauslehrer Trofimow darin sagen, ein Zitat, das die Dresdner auch als Motto über ihre Stückbeschreibung gesetzt haben. „Am besten beides“, würden die beiden Eysoldt-Preisträger vielleicht sagen.
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