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Siebzehn Nennungen in drei verschiedenen Disziplinen für Andreas Kriegenburg: Der Oberspielleiter am Hamburger Thalia Theater (Platz 2 der Kategorie Gesamtleistung), der auch an den Münchner Kammerspielen (Platz 1 der Kategorie Gesamtleistung) viel diskutierte Inszenierungen herausgebracht hat, ist damit unter den Einzelkünstlern der spartenübergreifende Spitzenreiter der diesjährigen Kritikerumfrage in der Deutschen Bühne.
„Und es ist wohl nicht die Faszination persönlicher Vielseitigkeit allein, der unsere Autoren erlegen sind“, wie Chefredakteur Detlef Brandenburg schreibt (auch unter www.die-deutsche-buehne.de): „Kriegenburg repräsentiert einen Trend, er steht für eine Auflösung strenger Form- und Genregrenzen, die auch an den beiden genannten Häusern gesucht und gepflegt wird (...). Wobei es aber nicht allein große Bühnen sind, die für ihre Experimentierfreude gelobt werden. Alles ist Fluxus. Und alle schwimmen mit im großen Fluss: das Theater Oberhausen, das Theater Chemnitz, das Junge Ensemble Stuttgart, das Lichthof Theater in Hamburg oder das FFT in Düsseldorf.“ In der Kategorie „Gesamtleistung“ teilen sich die Münchner Kammerspiele und das Hamburger Thalia Theater die Spitzenplätze: Breite Zustimmung gab es für die letzte Saison von Frank Baumbauer an den Münchner Kammerspielen, mit acht Nennungen unter „Gesamtleistung“, acht unter „herausragende Leistung im Schauspiel“ und zehn unter „Ausstattung“. Ulrich Khuons Haus, das Thalia Theater Hamburg, folgt auf dem Fuß in der Kritiker-Gunst: Fünf Voten unter „Gesamtleistung“, drei weitere für einzelne Arbeiten unter „Ausstattung“. Beide Häuser hätten es geschafft, eine Vielfalt künstlerischer Handschriften unter einer starken Dramaturgie zusammenzufassen - ebenso übrigens wie das Schauspiel Köln unter Karin Beier (neun Nennungen). Ein weiteres „dramaturgisch starkes“ Haus, das Schauspiel in Stuttgart, erhielt acht Nennungen. Ebenso wie Köln mache allerdings auch Stuttgart durch ein „gewisses Ungleichgewicht der Sparten“ auf sich aufmerksam; dem Lob für das Sprechtheater stehen Negativ-Voten für die Oper unter „Enttäuschung der Saison“ gegenüber - Albrecht Puhlmann, in der ersten Saison noch „gelobt für sein mutiges Anknüpfen an die Ära Zehelein“, ist in der Gunst der Autoren der Deutschen Bühne gesunken. Das Theater Basel erhielt acht Nennungen, davon drei unter „Gesamtleistung“ - das Haus habe sich nach Startschwierigkeiten vor allem in der Oper zur interessantesten Bühne für Musiktheater in der Schweiz entwickelt, wie eine Kritikerin schreibt. Auf immerhin sechs Nennungen kommt das Deutsche Theater Berlin, auf fünf die Komische Oper Berlin und auf vier das Nationaltheater Mannheim bei drei Stimmen für die Gesamtleistung („das Schauspiel-Ensemble wird immer besser; Burkhard C. Kosminskis Inszenierung von Tracy Letts‘ ,Eine Familie/August: Osage County‘ wäre fürs Theatertreffen würdig gewesen ...“). In der Kategorie „Abseits der Zentren“ konnte das Theater Oberhausen fünf Nennungen auf sich vereinen, auch das Theater Freiburg steht mit drei Voten gut da (wie traditionell in der Umfrage). Darüber hinaus gibt es Nennungen für das Theater Chemnitz, die Neue Bühne Senftenberg, das Hans-Otto Theater Potsdam und Theater & Philharmonie Thüringen. Zu den besten Off-Theatern gehört nach Einschätzung der Kritiker das Junge Ensemble Stuttgart (drei mal genannt), erneut Rimini Protokoll, das Münchner Metropoltheater (insgesamt drei Voten, davon eine unter „herausragende Leistungen im Schauspiel“); Doppelvoten gab es für das Lichthof Theater Hamburg und das Forum Freies Theater - Kammerspiele und Juta in Düsseldorf. Im Schauspiel überzeugten die Regisseure Volker Lösch und Jossi Wieler, beide mit vier Nennungen, beim Musiktheater David Marton, ebenfalls mit vier Nennungen - dazu Brandenburg: „Unter den Regisseuren, die im vergangenen Jahr an der Berliner Volksbühne aufbrachen, um aus alten Opernfragmenten neue Musiktheaterformen zu kreieren, war Marton zweifellos der Überzeugendste (...). Wenn nun seine zwischen den Genres frei flottierende Arbeitsweise die Begeisterung unserer Autoren auf sich zieht, impliziert das offenbar ein Ungenügen am konven-tionellen Opernbetrieb“, und der Kritiker Michael Laages kommentierte sein Votum wie folgt: „,Wozzeck‘ an der Volksbühne, Mozart- und Purcell-Projekte an den Sophiensaelen, ,Lulu‘ in Hannover, zuletzt eine Produktion in Dänemark - aus der Freien Szene ist dem Musiktheater hier ein mutiger Monteur zugewachsen, in dessen Arbeiten die Töne und Stile jeweils auf äußerst produktive Weise voneinander profitieren.“ Mit Calixto Bieito (drei Nennungen) habe es ein weiterer Opernmacher erstmals in die Spitzengruppe geschafft, dessen Arbeiten zwar die musikalische Struktur in der Regel nicht aufbrächen, aber den Zuschauern wie den Sängern durchaus Grenzgänge abverlangten; demgegenüber repräsentierten Dietrich Hilsdorf und Christof Loy (je drei Nennungen) eher die konventionelleren Opernspielarten. Sei die Kategorie Tanz in den letzten Jahren die der Ratlosigkeit gewesen, so habe diesmal Sasha Waltz mit fünf Voten für klare Verhältnisse gesorgt, der belgischen Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui hat vier Nennungen erhalten, und mit Martin Schläpfer ist auch ein Vertreter des Tanzes am Stadttheater (drei Nennungen) mit von der Partie - was zeige, dass der Tanz auch an festen Häusern starke Profile ausbilden kann, wenn er nicht vorher weggespart wird. Zwölf Nennungen gab es in der Kategorie „Ausstattung“, vier im Schauspiel und eine in der Oper - so viel wie noch nie für einen Einzelkünstler: „Andreas Kriegenburg - das mag wie eine äußerst unoriginelle Auswahl erscheinen; zumal er gerade in jüngerer Zeit alle möglichen Auszeichnungen bekommen hat. Die ,Innovation‘ jenseits einzelner Inszenierungen ist aber phänomenal - anders als bei René Pollesch oder Christoph Marthaler, anders als bei Michael Thalheimer oder selbst beim gerade so heftig betrauerten Jürgen Gosch ähnelt (oder gleicht) bei Kriegenburg keine Arbeit der anderen; es gibt keinen grundsätzlichen Gedanken, keine Methode, kein Theater- oder gar Welterklärungsmodell, das bei diesem Regisseur auf jeweils mehr als eine Arbeit anzuwenden wäre. Stattdessen ist fast jede Arbeit ein Unikat - und niemand kann ahnen, auf welches Abenteuer er sich beim nächsten Mal einlassen wird“ (Michael Laages). Der Regisseur Kriegenburg habe sich als sein eigener Bühnenbildner im „Prozess“ an den Münchner Kammerspielen einen Raum geschaffen, der die Vorlage Kafkas in beeindruckende Bilder fasse (Anne Fritsch). Ein Vierervotum gab es außerdem für Heike Scheeles Bayreuther „Parsifal“-Bühnenbild, drei Voten gab es für Christoph Schlingensief und sein Team für „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ bei der Ruhrtriennale. Die Enttäuschung der Saison ist die allerorts herrschende „kulturpolitische Konzeptlosigkeit“; die Deutsche Bühne zitiert hier stellvertretend für viele Karin Güthlein und ihre Sorgen wegen des finanziellen Überlebenskampfes der Landesbühne Nieder-sachsen Nord in Wilhelmshaven: „Bei der Landesbühne, die an zwölf Spielorten im Nordwesten Niedersachsens im Einsatz ist, wird kein Geld für Großprojekte verzockt. Durch Tarife und Teuerung droht bis 2011 ein Defizit von 900.000 Euro in dem seit 2006 von der Landesregierung in Hannover gedeckelten Etat, der z.Zt. bei jährlich 5,5 Millionen Euro liegt. 450.000 Euro (und damit weit mehr, als ihrem Finanzierungsanteil entsprechen würde) haben die Kommunen und Landkreise des Trägerverbandes zugesagt. Doch das Land Niedersachsen betreibt eine Hinhaltetaktik.“ Auch in der Kulturpolitik in der schwäbischen Metropole sei noch viel zerstört worden: Claudia Gass etwa prangert „das skandalöse, eigenmächtige Vorgehen der kulturpolitischen Führung von Stadt und Land in Sachen Stuttgarter Opernintendanz“ nach der Nicht-Verlängerung von Albrecht Puhlmanns Vertrag an (siehe Personalien).
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